BEN: TEXTAUSZUG II

Alle Menschen wollen immer noch einmal das Meer sehen und wenn sie dann am Meer ankommen, gucken sie doch nur traurig. Das Meer ist da, wo die Krabben wohnen und wo die bei der Suche nach dem letzten besten Satz verstummten Menschen sitzen.

Vielleicht fahren Menschen an das Meer in Filmen, Träumen und der Wirklichkeit, weil dort der Horizont weiter ist als sonst irgendwo, weil man nichts absehen kann und also hoffen, ob nicht vielleicht doch noch etwas Gutes vor einem liegt. Weil man am Meer sitzen und sehen kann und nichts tun als warten und sich dennoch etwas bewegt. Wenn Wellen wüssten, dass sie Tränen machen können, dass sie auf Abschiedsbildern sind, mit Musik unterlegt werden, dass sie dabei sind, wenn etwas unumstößlich zu Ende geht, wenn Wellen das wüssten und sich entscheiden könnten, vielleicht wäre alltäglich mit Stürmen zu rechnen.

Vielleicht fahren Menschen einmal noch, nur einmal noch an das Meer, weil die Wellen kommen und gehen, eine wie die andere und jeweils vollkommen anders doch als alles je Dagewesene. Geburt und Tod und Leben dazwischen, das sich nur um Kleinigkeiten oder um gar nichts vom Davor und Danach, vom Sein und Gewesen unterscheidet. Vielleicht hoffen Menschen in Filmen, Träumen und der Wirklichkeit angesichts des Meeres auf eine letzte Wichtigkeit.

Träumen auch Wüstenbewohner vom Meer, häufiger noch als Insulaner? Rausschwimmen und sitzen bleiben und entlangwandeln und zurückkehren und Pathos erlauben mit Tränen in den Augen und Selbstmitleid angesichts der Größe von alldem. Am Meer schließlich das Ende, aber nicht im Sommer, sondern ohne Sandburgen und Sonnencreme und Eis in Waffel und Eis am Stiel und ohne Ferien und ohne Sonnenbrand und ohne und vor allem ohne Rückfahrkarte. An das Meer fahren, allein oder zu zweit, aber nie in großen Gruppen. Und: Vielleicht wollen alle Menschen am Ende noch einmal ans Meer fahren, weil das Kino immer eine plötzliche Wendung hat zum:
Ende gut.
Und zum logischen:
Alles gut.
Und zum:
Noch mal Glück gehabt.
Und zum:
Schließt euch in die Arme.
Und zum:
Seid umschlungen, Millionen, und kommt zurück auf die Fähre zum Festland, zum Alltag und erzählt allen, dass ihr spontan für ein paar Tage im Urlaub gewesen seid. Seid wieder einer von allen, von denen, die, weil sie dachten, das Ende sei nah oder da, noch einmal das Meer sehen wollten. Wer weiß schon, warum? Lasst uns weitermachen, vergesst den Horizont, die Wellen sterben auch ohne euch. Übrigens: Schön, dass du wieder da bist.

Toto ist auf dem Weg zu einem dieser Meere, mit einer dieser letzten Hoffnungen.

©Annika Scheffel/Kookbooks

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