BEN: TEXTAUSZUG I

Ein weicher Tag mit Licht, das aus allen Richtungen strahlt. Die Sonne kann das nicht alleine schaffen. Gleißend steht die Stadt zwischen zwei Flüssen, hindurch führt keiner, geschnitten wird sie von Straßen und Wegen und einem Rinnsal, dem die Flüsse den Titel versagen. Da ist so eine Ahnung und vom Bürgersteig aus läuft er, so schnell er kann, zwischen den wartenden Autos hindurch auf die Insel zu. Hinwerfen. Schnell Deckung suchen. Und da ist Lea. Lea fährt Rad. Ihn wird sie gleich treffen, und zwar zum ersten Mal. Lea fährt Rad und sieht vor sich auf der Straße jemanden liegen. Sie wird langsamer, hält schließlich an, stützt sich mit einem Bein ab und beugt sich hinunter zu dem, der da liegt und den Kopf unter den großen Händen verbirgt. Lea fragt, ob sie helfen kann.

Der, den sein bester Freund:
Ben
nennt, liegt auf dem winzigen Grünstreifen, den man der Straße zum Schmuck ihrer Mitte gegönnt hat. Er liegt, wo er liegt, weil er weiß, was geschehen wird, aber nicht, was er dagegen tun kann. Es war angekündigt, es muss also geschehen. Er kann es nur aushalten, er sieht sie nicht an.
Ben sagt jetzt:
Dankeschön.
< Und dass es ihm wirklich gut geht, und dann sagt er noch, und das ist jetzt nur noch ein Flüstern:
Ich würde gerne noch ein bisschen hier liegen bleiben, wenn das in Ordnung ist.

Lea sagt:
Ich weiß nicht, ob das in Ordnung ist, wenn du hier liegst. Meinetwegen kannst du das natürlich tun, aber pass auf, hier fahren Autos, und zwar schnell, und es ist eigentlich auch noch zu kalt. Zum Liegen.

Es ist sehr schwierig, sich durch das Gehupe hindurch zu verständigen. Er mag das, was er von ihrer Stimme hört, es fällt ihm schwer, sie nicht anzusehen. Lea beobachtet, wie der Mensch, ungefähr in ihrem Alter, sich versteckt, und jetzt betrachtet er eine verfrühte Osterglocke. Er gefällt ihr ganz gut, vor allem weil er sie an niemanden erinnert, den sie kennt. Außerdem trägt er eine rote Mütze, die eindeutig selbstgestrickt ist, und er hat sie nur auf, da ist sie sich sicher, falls ihm derjenige begegnet, der sie ihm geschenkt hat. Und der soll sich dann freuen.

Die Autos tragen ihre Insassen weiter und Lea hebt zum Abschied die Hand. Der mit der Mütze auf der Insel grüßt zurück, ohne ihr in die Augen zu sehen. Sie hat keine Ahnung, was soeben seinen Anfang genommen hat, Lea weiß nicht, dass in diesem fast Frühling der Tod so richtig begonnen hat.

©Annika Scheffel/Kookbooks

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